Meinung und Rezension
Tanausu: Der in der Caldera de
Taburiente tanzt
Buchbesprechung
von
Petra Vock
Ja, so könnte es gewesen sein. So oder ganz
anders. Aber auch wenn die historische Wahrheit für immer rätselhaft bleiben
wird, wahr ist diese Geschichte auf jeden Fall. Weil sie vom Tod erzählt und vom
Leben, von der Liebe, von Verrat und von der Spiritualität – die gerade jenen
völlig fehlt, die gekommen sind, um die anderen zu missionieren. Es geht um La
Palma, und wir schreiben das Jahr 1493. Harald Braems Roman "Tanausu - König der
Guanchen" bringt dem Leser ungemein spannend und farbenreich die Kultur der
Ureinwohner der "Isla Bonita" näher (die damals noch Benahoare hieß) und die
Unkultur ihrer spanischen Eroberer, die gekommen sind, um mit Blut zu taufen.
Mit Tanausu ist der Kulturforscher und
Schriftsteller Braem einer kanarischen Legende auf der Spur, einer Symbolfigur
für Stolz und Freiheitswillen: Tanausu, das ist der König des Reiches Aceró im
riesigen Vulkankrater der Caldera de Taburiente. Unsterblichkeit erlang er
dadurch, dass er den spanischen Eroberern am längsten Widerstand leistet und
sich auch nach seiner Gefangennahme die Freiheit nicht rauben lässt. Wie das
geht und wie es den Spaniern trotz der militärischen Uneinnehmbarkeit der
Caldera de Taburiente gelang, Tanausu zu besiegen und damit La Palma zu erobern,
das liest man am besten selbst nach.
Braem erzählt eine Geschichte und bringt
gleichzeitig Geschichte näher. Wer schon längst wissen wollte, was eine
Harimaguada war, oder es sich noch nie merken konnte – hier erfährt er es und
vergisst es nicht mehr. Wie kam "Los Llanos de Aridane" zu seinem Namen, und
worin besteht das Seltsame daran? Der Leser, durch erzählerisches Geschick in
den Bann gezogen, lernt den Hintergrund von Namen und Begriffen, die heute noch
jedem Kanarenreisenden auf Schritt und Tritt begegnen ("Lady Harimaguada" - so
heißt beispielsweise der "Oscar", der beim Filmfestival in Las Palmas
alljährlich vergeben wird).
Applaus gebührt diesem Text dafür, dass der
Erzähler - trotz eindeutiger Parteinahme für die "Wilden" - nicht vordergründig
moralisiert und keine peinliche Kampf- und Heldenideologie vertritt wie etwa
Horst Uden mit seinem wesentlich älteren Roman von der Eroberung Teneriffas
("Der König von Taoro"), mit dem man "Tanausu" trotz des ähnlichen Themas zu
Unrecht vergleichen würde. Auch die Schwarzweißmalerei hält sich in Grenzen:
Neben einem Pater, der La Palma dadurch "hispanisiert", dass er den "spanischen
Schuh" und die Inquisition hinbringt, gibt es auch noch einen anderen, der
tatsächlich in der Absicht gekommen ist, die Liebe zu predigen, und der die
Ureinwohner respektiert. Durch seine Augen und die des jungen spanischen
Schreibers Domingo wird dem Leser die Brutalität und der Stumpfsinn der
Konquistadoren offenbart.
Und auch in den Reihen der Guanchen gibt es
Verräter. Ungeheuer eindringlich ist die Szene beschrieben, als Gazmira der
Folter der Inquisition unterzogen wird. Jene Gazmira, die als junges
Guanchenmädchen von den Spaniern gefangen und verschleppt wird und später als
zerstörte Greisin zurückkehrt und zur Verräterin wird - dadurch Täterin und
unendlich bedauernswertes Opfer zugleich.
Zwar muss nicht jeder, der aus verlogenen Motiven
in einem verbrecherischen Krieg angegriffen wird, dadurch automatisch eine
moralisch überlegene Lichtgestalt sein (das lehrt einen das Zeitgeschehen). Aber
in diesem Roman ist die von fern an Kevin Costners Wolfstänze erinnernde
Sympathie mit den naturverbundenen Ureinwohnern nachvollziehbar und überzeugend.
Dass diese Menschen, die der Natur noch viel mehr ausgeliefert waren als ihre
"zivilisierten" Artgenossen in Europa, sich eine tiefere Spiritualität und mehr
Seelenadel bewahrt hatten als die sich überlegen wähnenden Eroberer und dass den
Guanchen gerade dieser Mangel an Verlogenheit zum Verhängnis wurde, das klingt
überaus plausibel.
Überraschend ist das Ende des Textes: "Vacaguare!"
(ich will sterben), heißt es da an einer Stelle, und kurz darauf von jemand
anderem: "Er wird überleben." Wer oder was stirbt und überlebt, lieber Leser,
das sollten Sie selbst herausfinden. Es lohnt sich!
(Info Canarias Nr. 663, Dezember 2003)
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