Meinung und Rezension

Die spanische Eroberung
Teneriffas
Der König von Taoro: Ein historischer Roman von Horst Uden
Buchbesprechung von Berthold Volberg
(www.caiman.de,
Juni 2004)
Horst Udens historischer Roman behandelt ein
sowohl in der wissenschaftlichen Fachliteratur als auch im Bereich der
Belletristik erstaunlich vernachlässigtes Thema: die Eroberung Teneriffas
durch die Spanier. Während die kleineren Kanarischen Inseln (Gomera, Hierro,
La Palma) quasi im Handstreich von den Konquistadoren besetzt wurden, gab es
in Gran Canaria, vor allem aber in Teneriffa, der größten Insel des
Archipels, einen Eroberungskrieg, der sich über ein halbes Jahrzehnt hinzog.
Alonso Fernández de Lugo, der zuvor schon La
Palma erobert hatte und in Agaete (Gran Canaria) residierte, nahm Teneriffa
nach mehreren Schlachten gegen die kanarischen Ureinwohner, die Guanchen,
für die spanische Krone in Besitz. Die Guanchen waren zwar von stattlicher
Größe und mit herkulischen Körperkräften ausgestattet, konnten aber mit
ihren Keulen und Lanzen wenig gegen die überlegenen spanischen
Eisenschwerter, Feuerwaffen und Kanonen ausrichten.
Horst Uden konzentriert sich bei seiner
Darstellung auf die entscheidenden drei Jahre 1493 - 1496, in denen die drei
wichtigsten Schlachten stattfanden: die Niederlage der Spanier in der
Schlucht von Acentejo, die Schlacht von La Laguna (erster Sieg der Spanier)
und der entscheidende Sieg an dem Ort, den die Spanier später La Victoria
nannten.
Gleich zu Beginn der Lektüre des "Königs von
Taoro" wird der heutige Leser zuerst mehr oder weniger irritiert sein, denn
der Stil des Autors Horst Uden ist für die MTV-Generation
gewöhnungsbedürftig.
In der Wortwahl präsentiert sich dieser
historische Roman (erstmals veröffentlicht 1941) eher "altmodisch", nicht
frei von Pathos und mit einer ungewohnt poetischen Prosa. Das mag für manche
Leser zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Zugang zu diesem Buch erschweren.
Mir persönlich gefällt dieser poetische, oft in Metaphern schwelgende Stil -
zumal Uden sich damit auch an den feierlichen Sprachstil der Epoche
annähert, über die er schreibt. Er eröffnet den Roman mit den Worten:
"Strahlend enttauchte die Sonne dem blutroten Weltmeer und zerteilte die
flüchtigen Morgennebel..."
So beginnt die Beschreibung des (zumindest
damals noch) paradiesischen Orotava-Tals, vor dem bereits Humboldt ergriffen
stand. Indem er metaphorisch die Schönheit der Landschaft zelebriert, möchte
der Autor wohl auch die Naturverbundenheit der Ureinwohner betonen. Sein
Stil ist wohl Geschmackssache, aber eines kann niemand Horst Uden
absprechen: eine sorgfältige Recherche der (spärlichen) historischen
Quellentexte. Sein Roman orientiert sich sehr genau an den historischen
Daten und Fakten. Und für alle, die etwas über die Geschichte ihres
Urlaubsziels Teneriffa erfahren wollen und denen Geschichtsbücher zu
langweilig sind, ist diese spannende Darstellung ein idealer Einstieg.
Obwohl zum größten Teil aus der Sicht der
besiegten Guanchen und mit viel Sympathie für die kanarischen Ureinwohner
geschrieben, ist die Schilderung von Uden weniger einseitig als anfangs
befürchtet. Er begeht nicht den Fehler, die spanischen Eroberer pauschal
anzuprangern. Denn im Verlauf der Geschichte beschreibt er auch offen die
negativen Seiten der Guanchenherrschaft, insbesondere die Uneinigkeit ihrer
in kleine Fürstentümer zersplitterten Gesellschaft, die auch die Keimzelle
ihres Untergangs war. Denn wie in Mexiko (Tlaxcalteken) und Peru konnten
sich die Spanier auch auf Teneriffa mit Gegnern des mächtigsten
Guanchenherrschers Mencey Bencomo (des "Königs von Taoro") verbünden - was
entscheidend zu ihrem Sieg beitrug. Und wie in Mexiko und Peru starben die
meisten Einheimischen Teneriffas nicht durch den Eroberungskrieg, sondern
durch Krankheiten: in diesem Fall hauptsächlich durch die 1495 ausbrechende
Pest, die Horst Uden folgerichtig in die Handlung einbaut.
Alonso Fernández de Lugo, Anführer der
spanischen Konquistadoren und erster Gouverneur von Teneriffa, war wohl
weniger machtbesessen und habgierig als Pizarro oder Cortés. Uden beschreibt
ihn jedenfalls mit Anflügen von fairer Ritterlichkeit, echtem
Christianisierungseifer und moralischen Skrupeln. Gar so etwas wie Sympathie
für die Spanier flackert auf, wenn der Autor die "Unzertrennlichen Zwölf"
beschreibt, zumindest werden die allzu menschlichen Schwächen (Trunksucht,
Völlerei) dieser engsten Vertrauten des andalusischen Konquistadors mit
augenzwinkerndem Verständnis und viel Humor dargestellt.
Uden vergisst nicht, die wichtige Rolle der
Religion gebührend zu berücksichtigen: er beschreibt sowohl das alte
Guanchen-Heiligtum – die Höhle von Taganana mit ihrem "Orakel" – als auch
das neue katholische Sakralzentrum: die Mariengrotte von Güímar, aus dem
später der heutige Wallfahrtsort La Candelaria wurde.
Abgesehen von der manchmal leicht verwirrenden
Chronologie der Erzählung – man beachte die Rückblende ("Intermezzo"), die
vor der Schlacht von La Laguna noch einmal die vorherige Eroberung Gran
Canarias zusammenfasst, ist auch der Spannungsbogen entlang der historischen
Eckdaten gut gestaltet.
Insgesamt ist der außergewöhnliche Roman von
Horst Uden ein Muss für jeden wirklich interessierten Teneriffa-Besucher,
der mehr will als 14 Tage Strand und Wellen. Historisch fundiert und
spannend werden die entscheidenden Jahre der spanischen Eroberung und auch
zum Schluss noch kurz deren Folgen dargestellt. Kurzfristig ging es
zumindest den adligen Guanchen unmittelbar nach 1496 gar nicht so schlecht:
die ehemaligen Stammesfürsten erhielten Grundbesitz zugeteilt und es gab
viele Eheschließungen zwischen Spaniern und Guanchen. Aber spätestens in der
folgenden Generation wurde vielfach das Eigentum der Guanchen unter allerlei
Vorwänden von der Inquisition eingezogen, viele Guanchen wurden als "Ketzer"
verurteilt oder starben an der Syphilis. Einige erzielten aufgrund ihrer
körperlichen Konstitution Höchstpreise auf dem Sklavenmarkt von Sevilla oder
wurden – wie Mencey Bencomo – als Jahrmarkt-Attraktion durch Europa
herumgereicht, wo diese blonden, hünenhaften Muskelmänner aus Teneriffa von
zahlendem Publikum bestaunt wurden.
Selbst wenn Udens Kritik an spanischer Willkür
und Inquisition am Ende zu pauschal ausfällt: es bleibt sein Verdienst, im
"König von Taoro" das Schicksal des Guanchenvolkes aus dem Nebel des
Vergessens herausgeholt und spannend verpackt präsentiert zu haben.
Und es ist dem Engagement der Verlegerin Verena
Zech zu danken, dass dieser interessante Teneriffa-Roman von 1941, der schon
in Vergessenheit zu geraten drohte, nun zu Beginn des 21. Jahrhunderts neu
publiziert worden ist.
Horst Udens “Der König von Taoro” neu
aufgelegt:
Die blonden Hünen des Südens
Buchrezension von Simone Guski
(Teneriffa Magazin, Oktober 2001)
Lope de Vega, mit Calderón und Quevedo einer der
drei Großen des spanischen Barocktheaters, hat auf den Sklavenmärkten von
Málaga noch gesehen, wie dort die Guanchen zum Verkauf standen. Der Anblick
beeindruckte ihn derartig, dass er über die Eroberung Teneriffas eine
Komödie schrieb.
Die Guanchen nehmen darin die Rolle der guten
Wilden ein, die des Goldes und der Zivilisation nicht bedürfen, wohl aber
des Christentums. Durch es bekommen sie eine Seele. Nun wären seine
Theaterstücke keine Komödien, wenn diese Seele nicht eher durch den Eros als
durch die christliche Nächstenliebe über sie käme und beides untereinander
verwechselt werden würde. Die Fürstentochter Dácil verliebt sich genauso wie
ihre Untertaninnen. Die Frauen – nicht die Schlachten schlagenden Männer –
spielen also die Hauptrolle. Dácil gleicht der griechischen Göttin Hera;
dafür wird ein Marienstandbild von den Ureinwohnern, die Skulpturen nicht
kennen, für eine liebliche lebende Mutter gehalten. Genug komische
Situationen ergeben sich also da aus der Unkenntnis de
Zivilisationsprodukte. Dácil will sich heldenhaft vom Felsenstürzen und
bekommt von ihrem Diener ein weitaus wirksames Gift, um schnell zu sterben,
empfohlen: den Wein. Im Rausche wähnt sie sich schon gestorben. Ins Leben
zurückgekehrt muss sie ihren Geliebten erst einmal zur Ehe überreden. Dem
bleibt nichts anderes übrig als zu heiraten, und der crossing-over der
Kulturen kann seinen Lauf nehmen.
Heroischer geht es in Horst Udens Roman „Der
König von Taoro“ über die Eroberung Teneriffas zu. Alle Schlachten sind
genau recherchiert, kürzer kommt das menschlich, allzu Menschliche. Es
entstand ein Epos, der seine generische Zugehörigkeit zum Lyrischen nicht
verbirgt. Zart sind die Landschaftsbeschreibungen, elegisch die eingefügten
gereimten Gesänge. Die Guanchen, es mag am Zug der Zeit liegen – der auch
als Geschäftsmann tätige Autor verfasste den Roman 1941 – beschreibt er fast
als blonde Hünen.
Edel sind sie alle, die Spanier zumindest
wagemutig, wenn auch auf Macht aus. Am interessantesten wird der Roman, wenn
mal nicht von den Helden die Rede ist, sondern vom schamanischen Wahrsager
etwa, der seinem Volk den Untergang voraussagt und damit auch hervorruft.
Dácil, die sich in den Feind verliebt, ihm
entsagt, um ihn zu retten, aber auch die Weichen dafür stellt, dass das
Leben mit einer neuen Generation wieder weiter gehen kann, gehört zu den
wahrhaftigsten Romangestalten. Auch die zweite Garde der Soldaten, die mehr
Aberwitz, Zufall und Not in ihre Rollen getrieben hat. In die Geschichte
eingeflochten werden ihre Geschichten, als Erzählung in der Erzählung. Sie
übernehmen den Part der Spaßmacher, wie in den Farsas, den allegorischen
Theaterstücken des alten Spaniens. Hier ahnt man, dass das Personenregister
seine Vorlage im Theaterstück hat.
Die unschuldigen Ureinwohner legen den Bereich
des Mythischen an sich schon sehr nahe. So sind die besten Teile des Buches
diejenigen, wo der Autor selbst im Ton des Mythenerzählers spricht. Er
bietet uns verschiedene Mythen über die Herkunft der Guanchen an. Sind sie
einst der Kälte des Nordens entflohen? Handelt es sich um verstreute
Griechen, aus der Zeit, als noch die Göttin Hera auf Erden waltete, ehe ihr
von Herakles die Äpfel der Hesperiden gestohlen wurden? Diese Früchte nun –
ihre Herkunft war längst vergessen – brachten nun den Sündenfall, die
Zwietracht auch unter die Guanchen, so die schöne Variante Udens.
Der Roman wird Anfang November von Verena Zech
neu herausgegeben. Es ist ein historischer Roman, der, wie es Romanen dieser
Gattung eigen ist, auch sehr viel über die Zeit, in der er entstand,
offenbart.
Buchtipp:
Kanarische Geschichte - spannend und
unterhaltsam erzählt
(www.ecanarias.com, 2002)
"Der König von Taoro" erzählt die spannende
Geschichte von der Eroberung Teneriffas. Die Protagonisten sind Mencey
Bencomo, Guanchen-Fürst von La Orotava, und Alonso Fernández de Lugo,
spanischer Seefahrer und Konquistador. Sie ziehen den Leser in den Bann
ihrer Zeitgeschichte. Der König von Taoro" ist kurzweilig und unterhaltsam,
ohne Frage ein "Teneriffa-Bestseller". Horst Uden schrieb den historischen
Roman vor sechzig Jahren, vor kurzem erschien die vierte Auflage.
Im Mai 1494 landet De Lugo auf Teneriffa. Er
stößt ein hölzernes, "heiliges" Kreuz in die Erde und gründet hier die Stadt
Santa Cruz de Tenerife. Die Kreuzfeiern am 3. Mai, die noch heute auf den
Kanaren gefeiert werden, erinnern an dieses Ereignis (Titelbild). Er zieht
dann über La Laguna (damals gab es hier einen Süßwassersee), Los Rodeos
("die Umwege"), La Matanza ("das Gemetzel") und La Victoria ("der Sieg") bis
nach La Orotava vor – dem Sitz von Mencey Bencomo, König von Taoro.
Die Guanchen, Ureinwohner Teneriffas, leisten
erbittert Widerstand. Mit ihren traditionellen Waffen – geschleuderte
Steine, Lanzen und aus Obsidian geschliffene Messer – wehren sie sich mutig,
doch sie können gegen die schweren Kanonen und Kavallerie des kastilischen
Heeres nicht gewinnen. Sie flüchten in die Höhen des Tigaiga (der östliche
Rand des Orotava-Tals) und ergeben sich schließlich im Herbst 1496 vor der
Belagerung bei Los Realejos ("die Heerlager").
Außer dem werden viele Geschichten und Legenden
von den Kanarischen Inseln erzählt. Mythen und Sagen über die "Glücklichen
Inseln", woher die Guanchen kommen, wie sie lebten und dachten, wie sie
feierten – und wie sie liebten:
Textauszug 1
Eine zentrale Rolle spielen die Frauen in dem
Roman. Dácil und Guacimara sind zwei Prinzessinnen. Guacimara folgt ihrem
Prinzen Ruimán in die Einsiedelei, nachdem er wegen Übermut – er führt eine
fatale, eigenmächtige Attacke gegen den Feind an – auf den Thron verzichten
und seine Familie verlassen muss. Dácil dagegen – die Tochter des Mencey
Bencomo – liebt unbekannter- und wundersamerweise den spanischen
Reiterführer Gonzalo de Castillo. Sie wird am Ende zur Symbolfigur der sich
vermischenden Kulturen.
Textauszug 2
Lassen Sie sich verführen zu einer Zeitreise, in
die Welt der Guanchen und der spanischen Konquistadoren. Sie werden
Teneriffa danach mit anderen Augen sehen.
"Der König von Taoro" ist im Buchhandel auf
Teneriffa für 14,50 Euro erhältlich. Direkt bestellen: Zech Verlag,
Carretera Vieja, 40, E-38390 Santa Úrsula, Tel.: +34-922-30 25 96, E-Mail:
info(ÄT)zech-verlag.com. Postversand nach Deutschland zuzüglich 3,25
Euro Versandkosten

In Añaza (heute Santa Cruz de Tenerife) landeten
im Jahr 1494 die spanischen Seefahrer, um die Insel Teneriffa den
Katholischen Königen zu unterwerfen. Sie wollten nach Taoro vordringen, dem
Sitz des mächtigsten Guanchen-Fürsten, Mencey Bencomo. In La Matanza und La
Victoria fanden entscheidende Schlachten statt. Die Ortsnamen bedeuten
"Gemetzel" bzw. "Sieg" und erinnern noch heute an diese Ereignisse. – Im
Herbst 1496 flüchteten sich die Guanchen in die Tigaiga-Höhen am Rande des
Orotava-Tals (durch Punkte markiert) und ergaben sich schließlich angesichts
der Belagerung bei Los Realejos ("die Heerlager").
Auszug 1:
„So unversöhnlich die Guanchen dem
widerstehenden Feinde entgegentraten, so edel waren sie gegen den
unterlegenen. Gefangene wurden von ihren Wunden geheilt, ausgetauscht und
oft noch mit Geschenken entlassen.
Wilde Tiere gab es auf ihrer glücklichen Insel
nicht, nicht einmal die kleinste Giftschlange. Der einzige, den sie
fürchteten, war Guayote, der Dämon, der im feuerspeienden Echeyde wohnte
(Echeyde, Hölle, oder Teide: der Pico de Tenerife).
Wenn er zürnte, schleuderte er glühende Felsen
aus dem Bauche des Riesen, ein breiter Feuerstrom ergoß sich aus seinem
weitgeöffneten Maul. Alles riß er nieder, was sich ihm in den Weg stellte.
Sengend fuhr er über die fruchtbaren Felder. Aus seinen Nüstern blies er
dunkle, giftige Schwaden in den stahlblauen Tigot, den Himmel, die
strahlende Magec, die Sonne, verdunkelte sich, das Meer schäumte auf und
donnerte über die Klippen bis tief in den Wald hinein, knickte Bäume wie
dürre Äste und zerspellte sie, zurückflutend, an den Felsen.
Dann flohen die Guanchen in ihre Höhlen, hockten
ängstlich zusammengekauert zwischen den Schafen, Ziegen und Hunden, die sich
eng aneinanderdrängten, horchten erschauernd auf das höllische Grauen und
flehten zu Acoran, zu Gott, um Hilfe und Rettung.
Ihr Glaube war kindlich und einfach wie sie
selbst: Gott schuf einige Menschen und gab ihnen Herden, Land und Wasser.
Dann schuf er mehr, gab ihnen nichts und sagte: „Dient den anderen, und sie
werden euch geben!“ So gehörte alles Land dem Mencey; er verteilte es auf
Lebenszeit, dann fiel es an ihn zurück.
Ihre Hauptnahrung bestand aus Gofio, geröstetem
und dann gemahlenem Getreide, das sie mit Milch oder Wasser mischten, aus
Pilzen, Feigen, saftigen Früchten des Mocan und des Erdbeerbaums, aus
Brombeeren, Datteln, Fichtenzapfen und Palmenbirnen. Allem aber zogen sie
Zickelfleisch und Wildkaninchen vor.“
Auszug 2:
„Prinzessin Guacimara lag schlaflos in der
geräumigen Höhle auf weichem Lager und träumte vor sich hin. Ein Kienspan
warf sein flackerndes Licht auf die zackigen Wölbungen der Decke, und im
Halbdunkel tanzten zitternde Schatten über die felsigen Wände. Leise tönten
vom Eingang her die flüsternden Stimmen der Dienerinnen . . .
Kurz vor Dämmerung waren Boten aus Taoro
gekommen, die ihrem Vater Beneharo das Eintreffen des Prinzen Ruimán und
seiner Schwester Dácil meldeten. Er hatte also Wort gehalten, damals beim
letzten Beñesmen, als er ihr versprach, nach Anaga zu kornmen. Morgen gegen
Mittag würde er hier sein.
Jähes Glücksgefühl machte sie wonnig erschauern.
„Blume von Anaga“ hatte er sie genannt mit seiner schönen, weichen und doch
so männlichen Stimme, „Blume von Anaga . . .“
Sie liebte ihn, diesen jungen, ritterlichen
Prinzen mit den träumerischen Augen und der adligen Gesinnung. Schon als
Kinder hatten sie zusammen am Strande von Taoro gespielt, waren von Klippe
zu Klippe gesprungen, hatten kleine, weiße Muscheln gesucht und flache
Steine übers Meer tanzen lassen. Wenn sie müde war, trug er sie auf seinen
Armen hinauf zum Tagoror, legte sie behutsam unter den schattigen
Lorbeerbäumen nieder und bewachte ihren Schlummer.
Ja, sie liebte ihn! Wenn einer ebenbürtig war an
Sinn und Geschlecht, dann er, NUR er. Und sie? Sie würde einst Königin von
Taoro, Königin von Tehinerfe sein, sie, die sie Guacimara, die Mannhafte,
nannten."
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