Meinung und Rezension

Spanien: Tanausú – König der
Guanchen
Ein historischer Roman von Harald Braem
Buchbesprechung von Berthold Volberg
(www.caiman.de, Juni 2005)
In den Geschichtsbüchern, die sich dem Beginn
der Neuzeit widmen, ist diese Episode aus dem Jahr 1492 nur eine Fußnote
wert: eine winzige Notiz im Windschatten der "Entdeckung" Amerikas durch
Kolumbus. Die Eroberung der kleinen Kanareninsel Benahoare (später von den
spanischen Eroberern La Palma genannt) ist das Thema des historischen Romans
"Tanausú – König der Guanchen" von Harald Braem, der 2003 vom Zech Verlag
auf Teneriffa publiziert wurde.
Was in vielen historiographischen Werken nur in einem Satz erwähnt wird, war
für die Eroberten, das Volk der Guanchen, der Zusammenbruch ihrer Welt und
für die Sieger die Entdeckung einer neuen – auch wenn die meisten von ihnen
das nicht zu würdigen wussten. Der dramatische Zusammenprall zweier
Kulturen, der europäisch-katholischen und der weißafrikanisch-kanarischen,
der mit der Einverleibung der herzförmigen Insel La Palma ins spanische
Imperium enden sollte, bildet den Hintergrund für die Romanhandlung. Der
Autor beginnt seine Erzählung mit einer Rückblende, in der einer der
ältesten Guanchenkrieger dem jungen Bencomo, der Hauptfigur des Romans, vom
ersten Invasionsversuch der Spanier unter Guillén Peraza berichtet. Damals
konnten die Guanchen die spanischen Eindringlinge noch in der Schlucht der
Todesängste besiegen. Aber der Alte warnt vor einer möglichen Rückkehr der
Konquistadoren und bekanntlich sollte er Recht behalten.
Alonso Fernández de Lugo, der schon Gouverneur der soeben endgültig
eroberten Insel Gran Canaria war, gelingt es, die Katholischen Könige
Ferdinand und Isabela davon zu überzeugen, dass die Eroberung der restlichen
Kanaren La Palma und Teneriffa ein gewinnbringendes Unternehmen sei.
Originell ist die Ironie von Harald Braem, der König Ferdinand von Aragón
Worte in den Mund legt, mit denen er sich über Kolumbus abfällig äußert, den
er als Phantasten bezeichnet, dessen drei Schiffe wohl nie mehr aus dem
Nirgendwo zurückkehren würden. Da war La Palma doch ein viel handfesteres
Ziel mit kalkulierbarem Risiko.
So erscheinen die Schiffe der Konquistadoren um Alonso de Lugo in der Bucht
von Tazacorte und fortan praktiziert der Autor einen geschickten
Standortwechsel. Er verbirgt zwar nicht, dass seine Sympathien eindeutig auf
der Seite der besiegten Guanchen liegen, aber seine Geschichte gewinnt an
Glaubwürdigkeit und Spannung dadurch, dass er sie aus verschiedenen
Blickwinkeln erzählt. Zunächst beschreibt er den unerwarteten Anblick der
spanischen Invasionsschiffe aus der Sicht der entsetzten Guanchen, die
ahnen, dass dies das Ende ihrer kleinen freien Welt ist. Danach schildert er
die ersten Eindrücke der Spanier von der exotischen Insel. Neben dem
Anführer De Lugo baut er dabei die ihn begleitenden Missionare zu weiteren
Hauptfiguren auf spanischer Seite auf. Dem fanatischen, von
Inquisitionseifer und Kreuzzugsmentalität getriebenen Pater Innozenz stellt
der Autor den idealistischen Pater Ángel und den unschuldigen jungen Mönch
Domingo gegenüber. Domingo spürt immer stärkere Abscheu vor der Gewalt und
zunehmenden Brutalität, mit der seine Spanier zum Beispiel nach der Schlacht
bei den Mondbergen im Süden der Insel gegen die Besiegten vorgehen. Seine
Zweifel machen ihn zum Gewissen der Konquistadoren, obwohl er kaum wagt,
seine Verurteilung offen zu äußern - er vertraut sie nur seinem Tagebuch an.
Der junge Mönch ist hin und her gerissen zwischen der Angst vor dem
Unbekannten und der zaghafter Faszination für das rätselhaft Neue.
Symbolisch wird dies angedeutet, als er widerstrebend eine Tonfigur der
Erdgöttin Tara behält, obwohl dies als Ketzertum gilt.
Überhaupt gelingt es dem Autor Harald Braem, seine fundierten Kenntnisse
über die Mythologie, Religion und Sitten der Ureinwohner von La Palma in die
Handlung einzuflechten und diese Informationen spannend verpackt dem Leser
zu vermitteln. So erfährt man nicht nur etwas über die Erdgöttin Tara,
sondern auch über den Dämon aus dem Vulkankrater (Guayote), vor dem die
Guanchen angstvoll erzittern, über die klosterähnlich lebenden Heilfrauen (Harimaguadas)
und die zentrale kultische Bedeutung der inmitten des Riesenkraters
aufragenden phallischen Felsnadel des Roque de Idafe, der von den Guanchen
als Stütze des Himmels verehrt wurde und auch heute noch ein geheimnisvoller
Ort ist. Zu den absoluten Höhepunkten des Romans gehört für mich die
Beschreibung des Initiationsritus, an dem Mazo, der halbwüchsige Bruder von
Bencomo, teilnimmt. Es ist eine Mutprobe, die ihn zum Krieger machen soll.
Dabei werden die Gefühle Mazos, seine Grenzerfahrungen und die Todesangst
während der lebensgefährlichen Bewährung mit fast mystischer Intensität
beschrieben.
Wenn man die Protagonisten auf der Seite der Guanchen betrachtet, so ist es
anfangs etwas irritierend für den Leser, dass der titelgebende Guanchenkönig
Tanausú gar nicht die eigentliche Hauptfigur des Romans ist. Er spielt
zunächst lediglich eine Nebenrolle, bevor er im letzten Drittel der
Erzählung in den Mittelpunkt rückt, als er die Führerschaft der Guanchen im
Zuge ihres letzten Aufbäumens gegen die spanischen Invasoren an sich reißt.
Und als er schließlich nach der entscheidenden Niederlage (deren Schauplatz
die Schlacht der Todesängste war) am Ende als Sklave an den Mast des
Schiffes gekettet von Lugo gen Cádiz segelt, verkörpert er das ganze
tragische Schicksal des Guanchenvolkes.
Harald Braem ist mit "Tanausú" ein höchst empfehlenswerter historischer
Roman gelungen. Wenn man ihm eines vorwerfen kann, dann vielleicht, dass er
die Geschichte an einer besonders interessanten Stelle abrupt abbricht.
Nämlich in dem Moment, als der Guanchenkrieger Bencomo, der als einer der
wenigen den spanischen Sklavenjägern entkommen kann, den jungen spanischen
Mönch bewusstlos neben dem Schlachtfeld findet. Wie diese Begegnung nun
weiter geht, hätte man als Leser schon gerne gewusst. Aber das wäre wohl
schon eine neue Geschichte.
Kanaren-Literatur:
Tanausu. Der in der Caldera de
Taburiente tanzt
Buchbesprechung
von
Petra Vock
(Info Canarias, Dezember 2003)
Ja, so könnte es gewesen sein. So oder ganz
anders. Aber auch wenn die historische Wahrheit für immer rätselhaft bleiben
wird, wahr ist diese Geschichte auf jeden Fall. Weil sie vom Tod erzählt und vom
Leben, von der Liebe, von Verrat und von der Spiritualität – die gerade jenen
völlig fehlt, die gekommen sind, um die anderen zu missionieren. Es geht um La
Palma, und wir schreiben das Jahr 1493. Harald Braems Roman "Tanausu - König der
Guanchen" bringt dem Leser ungemein spannend und farbenreich die Kultur der
Ureinwohner der "Isla Bonita" näher (die damals noch Benahoare hieß) und die
Unkultur ihrer spanischen Eroberer, die gekommen sind, um mit Blut zu taufen.
Mit Tanausu ist der Kulturforscher und
Schriftsteller Braem einer kanarischen Legende auf der Spur, einer Symbolfigur
für Stolz und Freiheitswillen: Tanausu, das ist der König des Reiches Aceró im
riesigen Vulkankrater der Caldera de Taburiente. Unsterblichkeit erlang er
dadurch, dass er den spanischen Eroberern am längsten Widerstand leistet und
sich auch nach seiner Gefangennahme die Freiheit nicht rauben lässt. Wie das
geht und wie es den Spaniern trotz der militärischen Uneinnehmbarkeit der
Caldera de Taburiente gelang, Tanausu zu besiegen und damit La Palma zu erobern,
das liest man am besten selbst nach.
Braem erzählt eine Geschichte und bringt
gleichzeitig Geschichte näher. Wer schon längst wissen wollte, was eine
Harimaguada war, oder es sich noch nie merken konnte – hier erfährt er es und
vergisst es nicht mehr. Wie kam "Los Llanos de Aridane" zu seinem Namen, und
worin besteht das Seltsame daran? Der Leser, durch erzählerisches Geschick in
den Bann gezogen, lernt den Hintergrund von Namen und Begriffen, die heute noch
jedem Kanarenreisenden auf Schritt und Tritt begegnen ("Lady Harimaguada" - so
heißt beispielsweise der "Oscar", der beim Filmfestival in Las Palmas
alljährlich vergeben wird).
Applaus gebührt diesem Text dafür, dass der
Erzähler - trotz eindeutiger Parteinahme für die "Wilden" - nicht vordergründig
moralisiert und keine peinliche Kampf- und Heldenideologie vertritt wie etwa
Horst Uden mit seinem wesentlich älteren Roman von der Eroberung Teneriffas
("Der König von Taoro"), mit dem man "Tanausu" trotz des ähnlichen Themas zu
Unrecht vergleichen würde. Auch die Schwarzweißmalerei hält sich in Grenzen:
Neben einem Pater, der La Palma dadurch "hispanisiert", dass er den "spanischen
Schuh" und die Inquisition hinbringt, gibt es auch noch einen anderen, der
tatsächlich in der Absicht gekommen ist, die Liebe zu predigen, und der die
Ureinwohner respektiert. Durch seine Augen und die des jungen spanischen
Schreibers Domingo wird dem Leser die Brutalität und der Stumpfsinn der
Konquistadoren offenbart.
Und auch in den Reihen der Guanchen gibt es
Verräter. Ungeheuer eindringlich ist die Szene beschrieben, als Gazmira der
Folter der Inquisition unterzogen wird. Jene Gazmira, die als junges
Guanchenmädchen von den Spaniern gefangen und verschleppt wird und später als
zerstörte Greisin zurückkehrt und zur Verräterin wird - dadurch Täterin und
unendlich bedauernswertes Opfer zugleich.
Zwar muss nicht jeder, der aus verlogenen Motiven
in einem verbrecherischen Krieg angegriffen wird, dadurch automatisch eine
moralisch überlegene Lichtgestalt sein (das lehrt einen das Zeitgeschehen). Aber
in diesem Roman ist die von fern an Kevin Costners Wolfstänze erinnernde
Sympathie mit den naturverbundenen Ureinwohnern nachvollziehbar und überzeugend.
Dass diese Menschen, die der Natur noch viel mehr ausgeliefert waren als ihre
"zivilisierten" Artgenossen in Europa, sich eine tiefere Spiritualität und mehr
Seelenadel bewahrt hatten als die sich überlegen wähnenden Eroberer und dass den
Guanchen gerade dieser Mangel an Verlogenheit zum Verhängnis wurde, das klingt
überaus plausibel.
Überraschend ist das Ende des Textes: "Vacaguare!"
(ich will sterben), heißt es da an einer Stelle, und kurz darauf von jemand
anderem: "Er wird überleben." Wer oder was stirbt und überlebt, lieber Leser,
das sollten Sie selbst herausfinden. Es lohnt sich!
Die Geschichte des Untergangs der
Guanchen-Kultur von Harald Braem: Tanausú – König der Guanchen
Buchbesprechung von Nina Stammer
(Teneriffa Magazin, November 2003)
Tanausú – König der Guanchen ist ein
historischer Roman, der die erschreckend grausame und hinterhältige
Eroberung La Palmas im Jahre 1492 durch den Spanier Alonso Fernández de Lugo,
der auch bei der Eroberung Gran Canarias eine wichtige Rolle spielte,
schildert.
Schon der Feldherr Guillén Peraza versuchte
circa 40 Jahre zuvor vergeblich, La Palma zu erobern. Scheiterte dabei aber
durch eigenen Hochmut und der Courage sowie der wilden Entschlossenheit und
Freiheitsliebe der Ureinwohner von La Palma kläglich. Aus diesem Grund ist
die Invasion de Lugos nicht nur als Eroberung einer Insel, sondern auch als
Rachfeldzug gegen die aufständischen „Wilden“ ausgeartet.
Das Grundgerüst dieses Romans ist die
fortlaufende Geschichte eines Erzählers. Gleichzeitig werden einige
Ereignisse aus der Sicht verschiedener Protagonisten geschildert. Mal aus
der Sicht des jungen Kriegers Bencomo, der in dieser Zeit nicht nur seinen
Mut und sein kriegerisches Können unter Beweis stellen muss, sondern auch
die Liebe zu der schönen und klugen Ica entdeckt.
Oder aus der Sicht des sensiblen und
aufmerksamen Schreibers Domingo auf der Seite der spanischen Eroberer, der
seine Erlebnisse, Gefühle und Entdeckungen in einem Brief an einen Freund in
Spanien schildert.
Braems Erzählstil zeichnet sich durch eine
angenehme, phantasievolle Bildsprache aus. Vor allem die
Landschaftsbeschreibungen von La Palma beschreibt Braem mit einem
außerordentlichen Sinn für Details, die einen beim Lesen dieser Geschichte
viel Freude bereiten.
„Das Meer lag still glitzernd wie eine Perle
zwischen den Schatten der Berge. Ein sanfter warmer Wind glitt über die
Wände, raschelte in den langstieligen Blättern der Drachenbäume. Wie Riesen
der Urzeit sahen sie aus mit ihren knorrigen Wurzelstämmen, den wuchtigen,
weitausladenden Kronen. Über die scharfe Felskante des Time glitt
pfeilschnell ein Falkenpaar dahin, streifte mit den Schwingen fast den
Boden, um sich dann im Steilflug in die Schlucht hinabzustürzen. Ihr
schrilles Keckern verriet, dass sie dort unten Beute erspäht hatten. Weiter
westlich tanzte ein Krähenschwarm die große Spirale, regnete dann wie auf
ein geheimes Kommando hin auf die saftgrünen Hänge ab. Ein paar Passatwolken
trieben am Himmel. Als goldener Kamm harkte die Sonne durchs Gras, ließ die
Farben aufleuchten, ein brennendes Grün, blutrot die Wände aus Lavatuff und
silbergrau die verwitterten, schrundigen Basaltblöcke.“
In diesem offensichtlich sehr gut recherchierten
und liebevollen Roman erfährt man besonders viel über das Leben, Denken und
Handeln der Guanchen, bevor die Spanier sie besiegten und bekehrten und ihr
Land eroberten. Der Kulturforscher Harald Braem verwendet viel Zeit darauf,
die Alltagswelt der Guanchen, ihre Bräuche, Ansichten, ihren Glauben und ihr
Verhältnis zur Natur zu schildern. Gerade diese Beschreibungen werden durch
viele Kleinigkeiten aus dem Leben der Guanchen belebt und erhalten dadurch
Glaubwürdigkeit.
Der Autor und langjährige Kanarenkenner Harald
Braem hat mit einem außerordentlichen Einfühlungsvermögen die Geschehnisse
dieser Zeit aus verschiedenen Perspektiven beschrieben, was diesen Roman so
interessant, abwechslungsreich und lesenswert macht. Tanausú, König der
Guanchen ist nicht nur als historischer Roman sehr informativ, sondern auch
als Lektüre für Jedermann äußerst fesselnd und unterhaltsam.
Weitere historische Neu-Auflage
im „Editorial Zech Verlag“:
Tanausú – König der Guanchen
Buchrezension von Michael Wieseler
(Teneriffa Nachrichten, August 2003)
„Höre“, sagte der Alte, „ich will dir eine
Geschichte erzählen, und sie wird anders klingen, als du sie bisher gehört
hast. Denn im Gegensatz zu den meisten weiß ich, wovon ich rede. Ich bin
selbst dabei gewesen, damals vor vierzig Jahren, als die Fremden über das
Meer kamen... Du siehst die Schlucht, die vor uns zur Bucht hin ausläuft.
Sie heißt die Schlucht der Todesängste, und sie hat ihren Namen wirklich
verdient. Schreckliches ist damals dort unten geschehen, viel Blut ist
geflossen und hat den Taburientefluß rot gefärbt. Zahllose Krieger sind im
Kampf umgekommen – fast alle Feinde, und viele von unserem Stamm.“
Mit diesen Sätzen läßt Harald Braem seinen Roman
„Tanausú. Der König der Guanchen“ beginnen. Das Buch erzählt die spanische
Eroberung der kanarischen Insel La Palma im Jahre 1492. Doch der alte
Krieger, den der Autor zunächst sprechen lässt, berichtet dem um Jahrzehnte
jüngeren Krieger Bencomo von einem früheren spanischen Eroberungsversuch,
den der Feldherr Guillén Peraza – zum Segen der Ureinwohner (der Guanchen) –
hochmütig dümmlich verpatzte, indem er sich und seine Armee in einem
Hinterhalt einkesseln ließ.
„Seit jener Zeit“, läßt Braem den Alten
weitererzählen, „haben wir nie aufgehört, die Bucht zu bewachen. Wenn es
auch für die Fremden eine schlimme Erfahrung war, auf Benahoare (i.e. La
Palma) zu landen, und hoffentlich auch eine Lehre, so weiß man doch nicht,
ob sie nicht vielleicht doch eines Tages wiederkommen. Und wenn, kann
sollten sie uns bereit und in Waffen antreffen. Es ist sehr wichtig, hier
Wache zu halten, lebenswichtig sogar... Deshalb sollte ein Krieger, der hier
oben seinen Dienst tut, sich nie vom Schlaf übermann lassen. Es kann
verderblich sein für den ganzen Stamm sein, wenn die Wache einschläft.“
Genau dies aber – nämlich während der Wache
einzuschlafen – widerfährt bereits in der folgenden Szene dem vom Alten
gewarnten jungen Krieger Bencomo, den übrigens der Autor zum Protagonisten
der rührenden und (trotz allen kollektiven Guanchen-Unglücks) tröstlich
ausgehenden Liebesgeschichte bestimmt. Sein Einschlafen: ein für den wachen
Leser unheilverkündendes Vorzeichen – und zugleich von der Seite des Autors
ein beeindruckender Griff in die Handwerkskiste der erzählerischen
Dramaturgie.
Denn klar ist nun soviel: Unmittelbar steht die
Rückkehr der Fremden bevor. Und unaufhaltsam wird sich das Schicksal der
Guanchen danach hin zum vollkommenen Untergang neigen: Dösende und
zerstrittene Stammesfürsten lassen sich von der spanischen Streitmacht unter
dem General Alonso de Lugo fast widerstandslos unterwerfen. Da und dort
aufflackernde Gegenwehr wird von den spanischen Konquistadoren erbarmungslos
niedergeschlagen. Die Standhaften der Stämme aber sammeln und scharen sich
unterdessen um den noch jungen Fürsten Tanausú, der in der Not auf eigene
Faust die Hochkönigswürde der Führerschaft an sich zieht.
Der geschichtlich verbürgte Romanheld Tanausú,
der gegen die spanischen Eindringlinge einen ebenso entschlossenen wie
aussichtslosen Kampf beginnt und am Schluß tragisch scheitern muss, wird von
den Tapfersten und Edelsten seines Volkes mit aller Kraft unterstützt. Und
dabei spielen nicht nur die Krieger der Guanchen eine tragende Rolle;
zumindest ebenso wichtig nimmt Braem die weisen und heilkundigen Frauen,
deren Kloster im hohen Gebirge ein Zentrum, ja vielleicht das Rückgrat und
Herz des Widerstands bildet.
Doch der nach Ruhm, Macht und Reichtum strebende
Alonso de Lugo (der vier Jahre später Teneriffa erobern sollte) und sein
frühinquisitorisch priesterlicher Begleiter Innozenz („der Unschuldige“)
sind in ihrem Eroberungs- und Christianisierungsdrang nicht mehr zu stoppen:
Der nach den ersten beiden Sequenzen vorauszuahnende Niedergang der
Guanchen-Kultur auf La Palma wird auf den folgenden knapp dreihundert Seiten
dramatisch und fesselnd erzählt.
Aufwendige Recherche-Arbeit hat Harald Braem, enger Freund des verstorbenen
Forschers Thor Heyerdahl seiner schriftstellerischen Leistung vorangestellt.
In seinem Roman verbinden sich Sachkunde, Einfühlungsvermögen, Phantasie,
dramaturgisches Geschick beim Aufbau der Handlung und nicht zuletzt ein
stilsicherer und bildkräftiger Umgang mit der deutschen Sprache.
Herausgekommen ist ein beeindruckendes und lesenswertes Werk, das auf dem
Gebiet der erzählerischen Guanchen-Literatur seinesgleichen sucht.
Verdient hätte das Buch daher eine auffälligere
und thematisch deutlichere Gestaltung der Titelseite. Nicht nur erscheint in
der vorliegenden Form die Typographie zu minimalistisch: Eine Vielzahl von
Urlaubern, denen der Roman durchaus zu einigen durchschmökerten Nächten oder
Strandtagen verhelfen könnte, werden mit den Titel-Informationen („Tanausú“
und „Guanchen“) vermutlich kaum etwas anfangen können und sich somit weniger
zum Kauf des Bandes anreizen lassen. Ein unmissverständlicher – ja, sei’s
drum: vielleicht reißerischer – Hinweis darauf, dass der Roman unterhaltsam
und lehrreich aus der Geschichte ihres kanarischen Urlaubsgebietes erzählt,
wäre dem Buch unbedingt zu wünschen gewesen.
Harald Braem: Tanausú – König der Guanchen.
Roman. Zech Verlag, Teneriffa 2003, ISBN 84-933108-0-8. Kontakt: Tel. +34
922 30 25 96, www.zech-verlag.com, www.haraldbraem.com. Erhältlich auch in
den bekannten Buchhandlungen.
|