Meinung und Rezension
Horst Udens “Der König von Taoro” neu
aufgelegt:
Die blonden Hünen des Südens
Buchbesprechung von Simone Guski
Lope de Vega, mit Calderón und Quevedo einer der
drei Großen des spanischen Barocktheaters, hat auf den Sklavenmärkten von
Málaga noch gesehen, wie dort die Guanchen zum Verkauf standen. Der Anblick
beeindruckte ihn derartig, dass er über die Eroberung Teneriffas eine
Komödie schrieb.
Die Guanchen nehmen darin die Rolle der guten
Wilden ein, die des Goldes und der Zivilisation nicht bedürfen, wohl aber
des Christentums. Durch es bekommen sie eine Seele. Nun wären seine
Theaterstücke keine Komödien, wenn diese Seele nicht eher durch den Eros als
durch die christliche Nächstenliebe über sie käme und beides untereinander
verwechselt werden würde. Die Fürstentochter Dácil verliebt sich genauso wie
ihre Untertaninnen. Die Frauen – nicht die Schlachten schlagenden Männer –
spielen also die Hauptrolle. Dácil gleicht der griechischen Göttin Hera;
dafür wird ein Marienstandbild von den Ureinwohnern, die Skulpturen nicht
kennen, für eine liebliche lebende Mutter gehalten. Genug komische
Situationen ergeben sich also da aus der Unkenntnis de
Zivilisationsprodukte. Dácil will sich heldenhaft vom Felsenstürzen und
bekommt von ihrem Diener ein weitaus wirksames Gift, um schnell zu sterben,
empfohlen: den Wein. Im Rausche wähnt sie sich schon gestorben. Ins Leben
zurückgekehrt muss sie ihren Geliebten erst einmal zur Ehe überreden. Dem
bleibt nichts anderes übrig als zu heiraten, und der crossing-over der
Kulturen kann seinen Lauf nehmen.
Heroischer geht es in Horst Udens Roman „Der
König von Taoro“ über die Eroberung Teneriffas zu. Alle Schlachten sind
genau recherchiert, kürzer kommt das menschlich, allzu Menschliche. Es
entstand ein Epos, der seine generische Zugehörigkeit zum Lyrischen nicht
verbirgt. Zart sind die Landschaftsbeschreibungen, elegisch die eingefügten
gereimten Gesänge. Die Guanchen, es mag am Zug der Zeit liegen – der auch
als Geschäftsmann tätige Autor verfasste den Roman 1941 – beschreibt er fast
als blonde Hünen.
Edel sind sie alle, die Spanier zumindest
wagemutig, wenn auch auf Macht aus. Am interessantesten wird der Roman, wenn
mal nicht von den Helden die Rede ist, sondern vom schamanischen Wahrsager
etwa, der seinem Volk den Untergang voraussagt und damit auch hervorruft.
Dácil, die sich in den Feind verliebt, ihm
entsagt, um ihn zu retten, aber auch die Weichen dafür stellt, dass das
Leben mit einer neuen Generation wieder weiter gehen kann, gehört zu den
wahrhaftigsten Romangestalten. Auch die zweite Garde der Soldaten, die mehr
Aberwitz, Zufall und Not in ihre Rollen getrieben hat. In die Geschichte
eingeflochten werden ihre Geschichten, als Erzählung in der Erzählung. Sie
übernehmen den Part der Spaßmacher, wie in den Farsas, den allegorischen
Theaterstücken des alten Spaniens. Hier ahnt man, dass das Personenregister
seine Vorlage im Theaterstück hat.
Die unschuldigen Ureinwohner legen den Bereich
des Mythischen an sich schon sehr nahe. So sind die besten Teile des Buches
diejenigen, wo der Autor selbst im Ton des Mythenerzählers spricht. Er
bietet uns verschiedene Mythen über die Herkunft der Guanchen an. Sind sie
einst der Kälte des Nordens entflohen? Handelt es sich um verstreute
Griechen, aus der Zeit, als noch die Göttin Hera auf Erden waltete, ehe ihr
von Herakles die Äpfel der Hesperiden gestohlen wurden? Diese Früchte nun –
ihre Herkunft war längst vergessen – brachten nun den Sündenfall, die
Zwietracht auch unter die Guanchen, so die schöne Variante Udens.
Der Roman wird Anfang November von Verena Zech
neu herausgegeben. Es ist ein historischer Roman, der, wie es Romanen dieser
Gattung eigen ist, auch sehr viel über die Zeit, in der er entstand,
offenbart.
Teneriffa Magazin, Oktober 2001
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