Meinung und Rezension
Die Geschichte des Untergangs der
Guanchen-Kultur von Harald Braem: Tanausú – König der Guanchen
Buchbesprechung von Nina Stammer
Tanausú – König der Guanchen ist ein
historischer Roman, der die erschreckend grausame und hinterhältige
Eroberung La Palmas im Jahre 1492 durch den Spanier Alonso Fernández de Lugo,
der auch bei der Eroberung Gran Canarias eine wichtige Rolle spielte,
schildert.
Schon der Feldherr Guillén Peraza versuchte
circa 40 Jahre zuvor vergeblich, La Palma zu erobern. Scheiterte dabei aber
durch eigenen Hochmut und der Courage sowie der wilden Entschlossenheit und
Freiheitsliebe der Ureinwohner von La Palma kläglich. Aus diesem Grund ist
die Invasion de Lugos nicht nur als Eroberung einer Insel, sondern auch als
Rachfeldzug gegen die aufständischen „Wilden“ ausgeartet.
Das Grundgerüst dieses Romans ist die
fortlaufende Geschichte eines Erzählers. Gleichzeitig werden einige
Ereignisse aus der Sicht verschiedener Protagonisten geschildert. Mal aus
der Sicht des jungen Kriegers Bencomo, der in dieser Zeit nicht nur seinen
Mut und sein kriegerisches Können unter Beweis stellen muss, sondern auch
die Liebe zu der schönen und klugen Ica entdeckt.
Oder aus der Sicht des sensiblen und
aufmerksamen Schreibers Domingo auf der Seite der spanischen Eroberer, der
seine Erlebnisse, Gefühle und Entdeckungen in einem Brief an einen Freund in
Spanien schildert.
Braems Erzählstil zeichnet sich durch eine
angenehme, phantasievolle Bildsprache aus. Vor allem die
Landschaftsbeschreibungen von La Palma beschreibt Braem mit einem
außerordentlichen Sinn für Details, die einen beim Lesen dieser Geschichte
viel Freude bereiten.
„Das Meer lag still glitzernd wie eine Perle
zwischen den Schatten der Berge. Ein sanfter warmer Wind glitt über die
Wände, raschelte in den langstieligen Blättern der Drachenbäume. Wie Riesen
der Urzeit sahen sie aus mit ihren knorrigen Wurzelstämmen, den wuchtigen,
weitausladenden Kronen. Über die scharfe Felskante des Time glitt
pfeilschnell ein Falkenpaar dahin, streifte mit den Schwingen fast den
Boden, um sich dann im Steilflug in die Schlucht hinabzustürzen. Ihr
schrilles Keckern verriet, dass sie dort unten Beute erspäht hatten. Weiter
westlich tanzte ein Krähenschwarm die große Spirale, regnete dann wie auf
ein geheimes Kommando hin auf die saftgrünen Hänge ab. Ein paar Passatwolken
trieben am Himmel. Als goldener Kamm harkte die Sonne durchs Gras, ließ die
Farben aufleuchten, ein brennendes Grün, blutrot die Wände aus Lavatuff und
silbergrau die verwitterten, schrundigen Basaltblöcke.“
In diesem offensichtlich sehr gut recherchierten
und liebevollen Roman erfährt man besonders viel über das Leben, Denken und
Handeln der Guanchen, bevor die Spanier sie besiegten und bekehrten und ihr
Land eroberten. Der Kulturforscher Harald Braem verwendet viel Zeit darauf,
die Alltagswelt der Guanchen, ihre Bräuche, Ansichten, ihren Glauben und ihr
Verhältnis zur Natur zu schildern. Gerade diese Beschreibungen werden durch
viele Kleinigkeiten aus dem Leben der Guanchen belebt und erhalten dadurch
Glaubwürdigkeit.
Der Autor und langjährige Kanarenkenner Harald
Braem hat mit einem außerordentlichen Einfühlungsvermögen die Geschehnisse
dieser Zeit aus verschiedenen Perspektiven beschrieben, was diesen Roman so
interessant, abwechslungsreich und lesenswert macht. Tanausú, König der
Guanchen ist nicht nur als historischer Roman sehr informativ, sondern auch
als Lektüre für Jedermann äußerst fesselnd und unterhaltsam.
(Teneriffa Magazin, Nr. 112, November 2003)
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