Meinung und Rezension
Weitere historische Neu-Auflage
im „Editorial Zech Verlag“:
Tanausú – König der Guanchen
Buchrezension von Michael Wieseler
„Höre“, sagte der Alte, „ich will dir eine
Geschichte erzählen, und sie wird anders klingen, als du sie bisher gehört
hast. Denn im Gegensatz zu den meisten weiß ich, wovon ich rede. Ich bin
selbst dabei gewesen, damals vor vierzig Jahren, als die Fremden über das
Meer kamen... Du siehst die Schlucht, die vor uns zur Bucht hin ausläuft.
Sie heißt die Schlucht der Todesängste, und sie hat ihren Namen wirklich
verdient. Schreckliches ist damals dort unten geschehen, viel Blut ist
geflossen und hat den Taburientefluß rot gefärbt. Zahllose Krieger sind im
Kampf umgekommen – fast alle Feinde, und viele von unserem Stamm.“
Mit diesen Sätzen läßt Harald Braem seinen Roman
„Tanausú. Der König der Guanchen“ beginnen. Das Buch erzählt die spanische
Eroberung der kanarischen Insel La Palma im Jahre 1492. Doch der alte
Krieger, den der Autor zunächst sprechen lässt, berichtet dem um Jahrzehnte
jüngeren Krieger Bencomo von einem früheren spanischen Eroberungsversuch,
den der Feldherr Guillén Peraza – zum Segen der Ureinwohner (der Guanchen) –
hochmütig dümmlich verpatzte, indem er sich und seine Armee in einem
Hinterhalt einkesseln ließ.
„Seit jener Zeit“, läßt Braem den Alten
weitererzählen, „haben wir nie aufgehört, die Bucht zu bewachen. Wenn es
auch für die Fremden eine schlimme Erfahrung war, auf Benahoare (i.e. La
Palma) zu landen, und hoffentlich auch eine Lehre, so weiß man doch nicht,
ob sie nicht vielleicht doch eines Tages wiederkommen. Und wenn, kann
sollten sie uns bereit und in Waffen antreffen. Es ist sehr wichtig, hier
Wache zu halten, lebenswichtig sogar... Deshalb sollte ein Krieger, der hier
oben seinen Dienst tut, sich nie vom Schlaf übermann lassen. Es kann
verderblich sein für den ganzen Stamm sein, wenn die Wache einschläft.“
Genau dies aber – nämlich während der Wache
einzuschlafen – widerfährt bereits in der folgenden Szene dem vom Alten
gewarnten jungen Krieger Bencomo, den übrigens der Autor zum Protagonisten
der rührenden und (trotz allen kollektiven Guanchen-Unglücks) tröstlich
ausgehenden Liebesgeschichte bestimmt. Sein Einschlafen: ein für den wachen
Leser unheilverkündendes Vorzeichen – und zugleich von der Seite des Autors
ein beeindruckender Griff in die Handwerkskiste der erzählerischen
Dramaturgie.
Denn klar ist nun soviel: Unmittelbar steht die
Rückkehr der Fremden bevor. Und unaufhaltsam wird sich das Schicksal der
Guanchen danach hin zum vollkommenen Untergang neigen: Dösende und
zerstrittene Stammesfürsten lassen sich von der spanischen Streitmacht unter
dem General Alonso de Lugo fast widerstandslos unterwerfen. Da und dort
aufflackernde Gegenwehr wird von den spanischen Konquistadoren erbarmungslos
niedergeschlagen. Die Standhaften der Stämme aber sammeln und scharen sich
unterdessen um den noch jungen Fürsten Tanausú, der in der Not auf eigene
Faust die Hochkönigswürde der Führerschaft an sich zieht.
Der geschichtlich verbürgte Romanheld Tanausú,
der gegen die spanischen Eindringlinge einen ebenso entschlossenen wie
aussichtslosen Kampf beginnt und am Schluß tragisch scheitern muss, wird von
den Tapfersten und Edelsten seines Volkes mit aller Kraft unterstützt. Und
dabei spielen nicht nur die Krieger der Guanchen eine tragende Rolle;
zumindest ebenso wichtig nimmt Braem die weisen und heilkundigen Frauen,
deren Kloster im hohen Gebirge ein Zentrum, ja vielleicht das Rückgrat und
Herz des Widerstands bildet.
Doch der nach Ruhm, Macht und Reichtum strebende
Alonso de Lugo (der vier Jahre später Teneriffa erobern sollte) und sein
frühinquisitorisch priesterlicher Begleiter Innozenz („der Unschuldige“)
sind in ihrem Eroberungs- und Christianisierungsdrang nicht mehr zu stoppen:
Der nach den ersten beiden Sequenzen vorauszuahnende Niedergang der
Guanchen-Kultur auf La Palma wird auf den folgenden knapp dreihundert Seiten
dramatisch und fesselnd erzählt.
Aufwendige Recherche-Arbeit hat Harald Braem, enger Freund des verstorbenen
Forschers Thor Heyerdahl seiner schriftstellerischen Leistung vorangestellt.
In seinem Roman verbinden sich Sachkunde, Einfühlungsvermögen, Phantasie,
dramaturgisches Geschick beim Aufbau der Handlung und nicht zuletzt ein
stilsicherer und bildkräftiger Umgang mit der deutschen Sprache.
Herausgekommen ist ein beeindruckendes und lesenswertes Werk, das auf dem
Gebiet der erzählerischen Guanchen-Literatur seinesgleichen sucht.
Verdient hätte das Buch daher eine auffälligere
und thematisch deutlichere Gestaltung der Titelseite. Nicht nur erscheint in
der vorliegenden Form die Typographie zu minimalistisch: Eine Vielzahl von
Urlaubern, denen der Roman durchaus zu einigen durchschmökerten Nächten oder
Strandtagen verhelfen könnte, werden mit den Titel-Informationen („Tanausú“
und „Guanchen“) vermutlich kaum etwas anfangen können und sich somit weniger
zum Kauf des Bandes anreizen lassen. Ein unmissverständlicher – ja, sei’s
drum: vielleicht reißerischer – Hinweis darauf, dass der Roman unterhaltsam
und lehrreich aus der Geschichte ihres kanarischen Urlaubsgebietes erzählt,
wäre dem Buch unbedingt zu wünschen gewesen.
Harald Braem: Tanausú – König der Guanchen.
Roman. Zech Verlag, Teneriffa 2003, ISBN 84-933108-0-8. Kontakt: Tel. +34
922 30 25 96, www.zech-verlag.com, www.haraldbraem.com. Erhältlich auch in
den bekannten Buchhandlungen.
Teneriffa Nachrichten,
August 2003
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