Meinung und Rezension
Spanien:
"Unter dem
Drachenbaum" von Horst Uden, Legenden und Überlieferungen von den
Kanarischen Inseln
Rezension von
Berthold Volberg (caiman.de)
"Unter dem
Drachenbaum" ist ein gut gewählter Titel für eine Sammlung von historischen
Legenden und vom Autor Horst Uden (1898 – 1973) anlässlich seiner Reisen in
den 1930er Jahren selbst erlebten Anekdoten über die Kanarischen Inseln.
Denn geheimnisvoll und urtümlich wie ein Drachenbaum, wie jener Dinosaurier
unter den Bäumen, präsentieren sich die von Uden spannend formulierten
Legenden von den "Inseln der Glückseligen", von denen die meisten noch aus
der Zeit der Guanchen stammen.
Der Autor
geht also zurück zu den historischen Wurzeln der Kanarischen Inseln und gibt
den Sagen der von den Spaniern verdrängten Ureinwohner wieder eine Stimme -
wie in der Erzählung über das Wunder des "Regenbaums" auf der mysteriösen
und kleinsten der sieben bewohnten Inseln des Archipels: El Hierro.
Für jede einzelne der Kanaren präsentiert der Autor jeweils mindestens eine
mythische Legende aus der Guanchenzeit vor der spanischen Eroberung und
mindestens eine Episode aus der spanischen Epoche nach dem 15. Jahrhundert,
manchmal ist auch eine selbst erlebte Kuriosität aus dem 20. Jahrhundert
dabei. Und Horst Uden vergisst auch nicht, der nicht existenten
"Phantasie-Insel" San Borondón eine amüsante Erzählung zu widmen.
Die Motive
dieser Sammlung kanarischer Geschichten ist sehr abwechslungsreich. Von
tragischen Dramen (die leidenschaftliche Liebesgeschichte von Mirca und
Niquiomo auf La Palma) über mythologische Märchen (z.B. über den Ursprung
der beiden uralten Kiefern von Vilaflor auf Teneriffa) bis hin zu
humorvollen Momenten (der "Drachentanz" beim Fronleichnamsfest auf Lanzarote
oder eine "entgleiste" Prozession, die auf der Insel La Gomera den ersehnten
Regen herbei zaubern soll), ist alles vertreten.
Dabei mag
für manch jüngeren Leser der Erzählstil von Horst Uden gewöhnungsbedürftig
sein. Eine Kostprobe: "Tiefblau, wolkenlos, strahlt der Himmel wie dunkler
Saphir, in den der Kegel des Teide sein flimmerndes Haupt stößt. Golden
schießt die göttliche Magec, die ewige Sonne, ihre segensspendenden Pfeile
über das glückliche Tal von Arautápala."
Die Sprache
des Autors ist auch ein Zeugnis deutscher Spätromantik, damit beschreibt er
die Kanaren mit den Augen und Worten, wie viele Reisende des 19. und frühen
20. Jahrhunderts diese zauberhaften Inseln sahen – lange vor dem an manchen
Stellen verheerenden Bauboom, der durch den Massentourismus und
Spekulantentum ausgelöst wurde. Horst Udens Werk ist ein Sprachdokument aus
einer Zeit, in der Reisen noch das Privileg einiger weniger Auserwählter
war. Und es ist nicht frei von Pathos. Das mag nicht jedem Geschmack
entsprechen, aber jedenfalls ist seine Sammlung kanarischer Impressionen für
jeden wirklich interessierten Besucher der Kanarischen Inseln ein Muss, da
sie eine Fülle von facettenreichen Eindrücken und kulturhistorischen
Hintergrundinformationen gibt.
Text:
Berthold Volberg, aus:
www.caiman.de |