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Última revisión: 05 de febrero de 2008





 

Der neue Uden-Bestseller

 

 

Unter dem Drachenbaum

Um die »Glücklichen Inseln« ranken sich zahlreiche Sagen und Legenden. Horst Uden hat den kanarischen Archipel in den 1930-er Jahren besucht und Erzählungen von allen »acht« Inseln aufgezeichnet. Er schildert Märchen und Mythen, Piratenabenteuer, Liebesgeschichten, Volksweisheiten, Anekdoten.

Teneriffa, die Glückliche...
Gran Canaria, die Heldenhafte...
La Palma, die Grüne...
La Gomera, die Legendäre...
El Hierro, die Geheimnisvolle...
Fuerteventura, das Aschenbrödel
Lanzarote, die Sandige...
San Borondón, die Geheimnisvolle...
...INSEL

Horst Uden: Unter dem Drachenbaum, Legenden und Überlieferungen von den Kanarischen Inseln. Zech Verlag Teneriffa 2007, ISBN 978-84-933108-2-0, VK auf den Kanaren (steuerfrei) 14,50 Euro, unverb. Preisempfehlung für Deutschland und Österreich: 18,25 Euro.

 

 

Leseprobe aus: "Unter dem Drachenbaum"

 

 

MISTER WHISKY

Man schrieb den 24. Juli 1797.

Kurz vor Anbruch der Dunkelheit bot sich den erstaunten Augen der Bewohner von Santa Cruz ein Schauspiel, das die Mutigen kampfesfroh und die Feigen erzittern machte. In breiter Linie bogen ums Vorgebirge von Gran Canaria neun Kriegsschiffe, an deren Heck man deutlich, von letzten Sonnenstrahlen umspielt, die englische Flagge erkennen konnte.

Zwei Stunden später ging es wie ein Lauffeuer durch die Stadt: Admiral Nelson war in der Bucht vor Anker gegangen und hatte die Übergabe der Insel Teneriffa gefordert.
Die Antwort des tapferen Kommandanten, der das Kastell von San Cristóbal befehligte, war ein Schuß aus der schweren Festungskanone »El Tigre«, der dumpf über die Bai rollte und sich drohend an den Schroffen der Anagaberge brach.

Damit waren die Feindseligkeiten eröffnet, und Nelson ging zum Angriff über. In der mondlosen Nacht war es ihm ein leichtes, zweitausend Mann an der Küste zu landen.

Bei Morgengrauen begann der ungleiche Kampf. Auf der einen Seite standen dreizehnhundert schlecht bewaffnete Insulaner und einige unzulängliche Küstenbatterien, auf der anderen die schlachterprobten englischen Marinesoldaten, unterstützt von dreihundertdreiundneunzig Schiffsgeschützen, die unausgesetzt landeinwärts feuerten.

Der Admiral selbst hatte mit wenigen Leuten den Molenkopf erstiegen und die dortige Batterie genommen. Hoch schwenkte er über seinem Haupte die Fahne Großbritanniens, die er dem Träger in stolzer Siegesfreude entrissen.

Da heulte der Tiger von San Cristóbal auf. Und wenn je ein spanischer Kanonier einen Schuß abgefeuert hat, dessen Echo in der Geschichte bis zum Untergange der Welt nachhallen wird, so war es dieser Schuß jenes denkwürdigen Morgens. Einen Kapitän und zweiundzwanzig Mann riß die Kugelgranate zu Boden: hinter einem Geschütz, mit zerschmettertem Arm, lag Admiral Nelson.
Wild tobte der Kampf. Wie Löwen fochten die tapferen Insulaner. Endlich kam der Gegner ins Wanken, nachdem der verwundete Admiral aufs Flaggschiff gebracht worden war. Die Boote der Fliehenden wurden von den Kugeln der Spanier durchlöchert und sanken, die Brigg »The Fox« war zusammengeschossen. Zweihundert Mann fanden den Tod in den Wellen. Der Rest der gelandeten Engländer, unter Kapitän Trombridge, ergab sich.
Für diesen ruhmreichen Sieg wurde Santa Cruz durch ein königliches Edikt Karls IV. zur Stadt erhoben.

 

Am dritten Tage nach der denkwürdigen Schlacht saßen der Milizsoldat Pablo und der Ochsentreiber Rodrigo zusammen vor der kleinen Schenke, die am Wege nach La Laguna lag, und rühmten sich gegenseitig ihrer Heldentaten. Der Wirt Juan brachte einen neuen Krug Malvasier und ließ sich an ihrem Tisch nieder. Auch er war dabei gewesen und hatte daher das Recht, ein Wörtchen mitzureden.

»Gut haben wir es ihnen gegeben«, meinte Rodrigo, »das Wiederkommen werden sie vergessen!«

»Es lebe ›der Tiger‹, der dem britischen Löwen den Arm abgebissen hat!« rief der Milizsoldat und stürzte den Becher hinunter, während sich der Wirt nachdenklich den Kopf kratzte.
»Alles schön und gut«, gab er verbindlich zu bedenken, wie ein Mann, der stets der Ansicht seiner Gäste ist, »aber das dicke Ende kommt nach. Unseren Malvasier können wir von nun an allein trinken, denn so bald wird sich hier kein englisches Schiff mehr sehen lassen.«

»Ave Maria Purissima!« schrie Pablo und bekreuzigte sich, »das sagst du nur, weil du einen schlechten Schluck am Leibe hast. Mir soll es schon recht sein.« Er griff nach dem Krug und schenkte sich von neuem ein . . .

Doch es sollte anders kommen, wie es sich der Wirt gedacht hatte. Zwar mieden die englischen Schiffe von nun an Santa Cruz, aber auf den rotgoldenen Malvasier, den Nektar der Götter und die Ambrosia des Himmels, wollten sie nicht verzichten. Singt doch ein namenloser Dichter von ihm:

»Quel est ce vin? D’où vient-il, je vous prie?
D’où l’avez-vous? Il vient de Canarie!
C’est un nectar, un vrai breuvage d’élu,
Dieu nous le donne, et Dieu veut qu’il soit bu!«
 

Ein Ausweg war schnell gefunden. Der Hafen von Orotava, auf der Nordseite der Insel, erfreute sich von nun an des regen Besuchs dickbäuchiger englischer Kauffahrteischiffe.

Der kleine Ort, eben noch ein unbedeutendes Fischerdorf, vergrößerte sich zusehends. Weinhändler eröffneten hier ihre Bodegas, lange Lagerschuppen dehnten sich am Strand, von allen Seiten zogen Leute herzu, Arbeit gab es in Hülle und Fülle.
Der Wirt Juan hatte seine Schenke in Santa Cruz verkauft und eine Hafenkneipe in dem aufblühenden Puerto eingerichtet. Rodrigo schaffte mit seinen Ochsen die schweren Halbstücke zum Kai, und mit dem Pikett, das der Militärgouverneur zum Schutze des Ortes ins Kastell San Felipe legte, war auch der Milizsoldat Pablo herübergekommen.

Allabendlich saßen die drei nun wieder zusammen bei einem Kruge Malvasier und gedachten der heldenhaften Schlacht von Santa Cruz, die nun schon bald zwei Jahre zurücklag.

 

An einem schönen Sonntagnachmittag war es, als die Freunde, wie üblich, dem Wein zusprachen.

»Ja«, meinte der Milizsoldat Pablo und drehte unternehmungslustig seinen kriegerischen Schnurrbart, »es ist schon lange her, daß wir einen ordentlichen Spaß hatten. Ich gäbe etwas darum, aber wie sehr ich auch nachdenke, mir fällt nichts Gescheites ein.«

»Was ist das?« unterbrach ihn der Ochsentreiber und deutete mit der Hand aus dem geöffneten Fenster. Auch der Wirt beugte sich hinaus, um den seltsamen Aufzug zu sehen, der geradewegs über den Platz auf seine Schenke zukam.

Drüben schritt, in schwarz- und weißkariertem Gehrock, gelber Weste und grauem, hohem Zylinderhut ein baumlanger »Mister«, dessen Paß man nicht erst zu sehen brauchte, um zu wissen, daß man einen waschechten Sohn Albions vor sich hatte. Um die Schultern gehängt trug er einen Malkasten, unter dem Arm eine zusammengeklappte Staffelei. Schreiend umdrängte ihn eine Horde Fischerjungen, deutlich hörte man ihre Rufe: »Penny! Penny!«

Ab und zu griff der Engländer in die Tasche, holte eine Handvoll Kupfermünzen hervor und warf sie unter die johlende Dorfjugend. Eine wüste Katzbalgerei entstand, einen Augenblick wurde er seine Verfolger los, doch gleich hatten sie ihn wieder eingeholt.

Jetzt blieb er vor der Wirtschaft stehen und studierte nachdenklich das Schild. Sofort sprang der Wirt an die Tür und nötigte ihn mit einladenden Verbeugungen näherzutreten.
Gemessenen Schrittes folgte der Engländer der Aufforderung, stellte seine Staffelei in die Ecke, nahm den Malkasten von der Schulter, setzte den grauen Zylinderhut auf den Tisch und ließ sich nieder.

Der Milizsoldat stieß den Ochsentreiber an. Seine scharfen Augen hatten sofort erspäht, daß der Fremde eine Perücke trug. Gespannt starrten die beiden hinüber, zu sehen, was sich nun ereignen würde.

»Whisky!« sagte der Engländer nur und warf ein Geldstück auf den Tisch: »Whisky!«

Ratlos sah sich der Wirt um. Whisky! Was mochte das sein? In seinem ganzen Leben hatte er das Wort noch nicht gehört. Aber ein Wirt darf sich nicht verblüffen lassen. Schnell trat er an das dickbäuchige Faß, füllte einen Becher mit Malvasier und setzte ihn vor dem Gast nieder. Der roch daran, machte eine abwehrende Handbewegung und sagte erneut: »Whisky!«

»Aha!« dachte der Wirt, »der Mann hat Durst und will Wasser haben.« Schon war er draußen an der Pumpe und kam mit einem gefüllten Krug zurück.

Als der Mister das Wasser sah, schüttelte er sich, als hätte man ihm einen Eimer voll über den Rücken gegossen.

In diesem Augenblick trat der Fischer Antonio ein. Vor Jahren hatte er als Vollmatrose auf einem Dreimaster Dienst getan und war öfter nach Liverpool gekommen. Seine englischen Sprachkenntnisse waren nicht gerade überwältigend, doch dem Wirt erschien er im Augenblick als Retter in der Not.

Antonio erklärte dem Fremden, daß man Whisky hierzulande nicht kenne, worauf der Engländer ein paar Krüge Malvasier bestellte und den Milizsoldaten, den Ochsentreiber und den Wirt an seinen Tisch lud. Getreulich übersetzte der Fischer den Aufhorchenden, was Mister Whisky zu berichten hatte.

Um es kurz zu machen: er war gestern mit der »Lady Mary« angekommen und gedachte ein paar Wochen auf Teneriffa zu verweilen. Farben hatte er genügend mitgebracht —er deutete auf den großen Malkasten—, um alles auf der Leinwand festzuhalten, was ihm irgendwie bemerkenswert schien. Wenn sie ihm helfen und ein wenig die Insel zeigen wollten, würden sie es nicht zu bereuen haben. Dabei schlug er auf seine Tasche, in der die Goldstücke nur so klimperten.

Der Ochsentreiber, der sofort merkte, daß hier leichter Geld zu verdienen war, als wenn er sich mit den schweren Weinfässern abrackerte, stieß seine Freunde an. Diese sagten zu, und der Brite drückte jedem von ihnen als Handgeld ein rundes englisches Pfund in die Rechte.

Von nun an malte »Mister Whisky«, wie ihn bereits das ganze Dorf nannte, alles, was ihm vor die Augen kam: den Anlegesteg von Santa Barbara mit den Fischerbooten, die kleine Kapelle von San Telmo, Marktweiber und Gemüsestände, Kakteen, Fächerpalmen und Sonnenuntergänge. Getreulich begleiteten ihn dabei die drei Freunde. Der Fischer übersetzte die Wünsche des Engländers, Pablo und Rodrigo hatten die Aufgabe, die staunende Volksmenge in gebührender Entfernung zu halten.

 

Eines Tages, als sie wieder in der kleinen Schenke zusammen saßen, erklärte Mister Whisky, daß er jetzt von dem Hafen genug hätte und nun die Stadt Orotava selbst sehen wollte. Sofort wurde ein Plan ausgearbeitet, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen, und man beschloß, den Ausflug am nächsten Sonntag auszuführen.
Der Wirt hatte sich erboten, vorauszureiten und für Wein und die nötigen Lebensmittel zu sorgen, während Rodrigo inzwischen seinen hohen, zweirädrigen Ochsenwagen herrichtete. Eine große Kiste diente als Sitzbank, ein Bettuch, an vier aufrechte Stäbe gebunden, als Sonnenzelt.

Am frühen Morgen ging die Fahrt los. Kinder begleiteten jubelnd und schreiend den Karren bis zum Ausgang des Dorfes. Dann begann der Weg zu steigen. Schritt für Schritt zogen die Ochsen das knarrende Gefährt über das holprige Pflaster. Zwischen den Deichseln hockte Rodrigo, rechts und links auf der großen Kiste neben dem Engländer, dessen hoher Zylinderhut fast das Sonnenzelt berührte, saßen, wie seine Leibgarde, der Fischer und der Milizsoldat.

Ab und zu ließ Mister Whisky halten. Ein verkrüppelter Feigenbaum, ein hohes Weizenfeld erregten seine Aufmerksamkeit. Schon hatte er den Zeichenblock in der Hand und warf eine flüchtige Skizze aufs Papier. Dann ging es im gemächlichen Ochsenschritt weiter.

Unterdessen war der Wirt auf seinem Maultier in Orotava angekommen und hatte den seltsamen Besuch angekündigt. Die ganze Stadt war auf den Beinen, Mister Whisky gebührend zu empfangen. Eilig wurden Girlanden über die Hauptstraße gezogen und ein Triumphbogen aus Palmenwedeln errichtet. Auf dem Marktplatz stand die Musikkapelle, und der Bürgermeister war dabei, eine Begrüßungsrede aufzusetzen.

Die Kunde des unverhofften Besuchs war auch zu Ohren des Grafen Monteverde gedrungen, dem sämtliche Weingüter um Orotava gehörten. Er konnte die Engländer nicht leiden und sah hier die Gelegenheit, einen Sohn Albiona nach allen Regeln der Kunst lächerlich zu machen und seine Landsleute von der Fremdenanbetung zu heilen. Sofort befahl er, in seinem Park ein Festmahl herzurichten, er selbst wollte den Gast der Stadt bewirten.

Gegen Mittag kam das Ochsengefahrt in Sicht. Der Empfang war, wie die Chronik berichtet, »monumental!«. Als der Karren in die Hauptstraße einbog, gingen die Böller los, die Musik spielte einen Tusch, Tagesraketen stiegen in das Blau des Himmels, barhäuptig hielt der Bürgermeister seine Ansprache. Dann ging es zum Park des Grafen Monteverde.

Der Engländer mußte auf dem Ehrensitz neben dem Hausherrn unter der großen Araukarie Platz nehmen. Dann ließen sich die Honoratioren des Städtchens nieder, während das Volk in achtungsvoller Entfernung stand. Niemanden hatte der Graf den Eintritt verwehrt, denn er wollte recht viele Zuschauer haben.

Es gab gebackene Seezungen mit spanischem Pfeffer, scharf gewürzten Hammelbraten, Reisauflauf und goldgelbe Ananas.

Fleißig trank der Hausherr seinem Gaste zu. Auch der Bürgermeister, die Honoratioren, der Ochsentreiber, und wer sonst an der Tafel saß, taten ihm gehörig Bescheid.

Bis jetzt hatte Mister Whisky aufrecht und selbstbewußt am Tisch gesessen, doch allmählich begann er, seine steife Haltung zu verlieren. Der spanische Pfeffer reizte seinen Durst mehr und mehr, immer schneller stürzte er den schweren Malvasier hinunter.
Bald stellte sich die Wirkung ein, auf die der Graf wartete. Die Perücke des Engländers verschob sich, seine Glatze kam zum Vorschein, er wurde lustig, begann ein Lied zu singen und umarmte wieder und wieder seinen Gastgeber. Der Graf benutzte die Gelegenheit, ihm mit einem Stück Holzkohle, unter dem schallenden Gelächter der Anwesenden, einen Ziegenbock auf die Stirn und zwei große Fragezeichen auf die Backen zu malen.
Zum Schluß erhob sich Mister Whisky zu einer Dankesrede. Was er sagte, verstand niemand außer dem Fischer, der die letzten Worte übersetzte. Sie lauteten:

». . . und wenn ich nach Old England zurückkehre, will ich allen erzählen, daß es auf Teneriffa einen Wein gibt, der immer durstiger macht, Soldaten, die englische Fahnen erobern und Kanonen, die Horatio Nelson den linken Arm wegreißen. Besten Dank!« Damit fiel er schwankend unter den Tisch.

Spät in der Nacht kehrte der Ochsenkarren mit dem betrunkenen Engländer nach dem Hafen zurück, und am nächsten Morgen lichtete die »Lady Mary« die Anker. Als Mister Whisky glatzköpfig in Liverpool ankam, soll er wieder nüchtern gewesen sein.

 

Im Volksmunde lebt die Geschichte von dem denkwürdigen Festessen im Park des Grafen Monteverde weiter fort. Und noch manchem Engländer ruft die Straßenjugend von Orotava heute wie ehedem nach: »Mister Whisky! Mister Whisky!«


(Horst Uden)

 

 

 

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