Die „Galerie der kanarischen Volksbräuche“ ist ein Werk der Künstlerin
Ángeles Violán Acevedo, die in der naiven Malerei ihren eigenen Stil
gefunden hat. Anrührend, fröhlich und bunt sind ihre Bilder wie auch ihre
Texte, mit denen sie uns die Sitten und Gebräuche der Kanarischen Inseln
nahe bringt.
Rafael Arozarena Doblado, Romanautor und Dichter („Mararía“), ergänzt das
Werk durch weitere ausgezeichnete Textbeiträge. Diese beiden kanarischen
Künstler vereinen Malerei und Literatur auf einzigartige Weise. Sie
vermitteln uns Szenen der kanarischen Volkskultur, von schlichter
Schönheit und prall gefüllt mit glaubwürdiger kultureller Information.
„Dieses
‚Inselgedicht’ voller Anmut, Farbenpracht und Zärtlichkeit widmet Ángeles
Violán der kanarischen Frau und allen Kanaren-Inseln.“ (Paloma Herrero
Antón)
„Dieses Buch
ist wie ein 'Museum der Gefühle'. Wir vertiefen uns genussvoll in die
Suche nach der kulturellen Identität eines Volkes, dessen Friedfertigkeit
und Großmut schon immer das Gelehrten-Interesse geweckt haben.“
(Rafael Arozarena Doblado)
Ángeles Violán und Rafael Arozarena: Galerie der
kanarischen Volksbräuche. Gebundene Ausgabe, 84 farbige Seiten im
Großformat, Zech Verlag, Teneriffa 2006, auf den Kanaren steuerfrei 24,- Euro
ISBN 978-84-933108-9-9 (Deutsch)
ISBN 978-84-933108-6-8 (Spanisch)
ISBN 978-84-933108-8-2 (Englisch)
Leseprobe
Wasserquelle
Ángeles Violán
Dank ihrer Höhe ist die Insel Teneriffa reich
an Wasser. Die Wolken, die von den Passatwinden gegen den Berg geschoben
werden, halten sich an der zentralen Gebirgskette fest. Deswegen sind die
Höhen des Nordens immer feucht und üppig bewachsen. In den Schluchten
fließt genügend Quellwasser, um eine Vegetation zu erhalten, die
verschiedentlich als paradiesisch beschrieben wird.
Abgesehen von dem Oberflächen-Wasser, das aus
Regenfällen rührt, verfügt die Insel über unterirdische Wasservorräte,
gespeist aus dem Schmelzwasser des Teide, das durch den Berg sickert. Um
diese Vorräte anzuzapfen, wird das Gestein perforiert: Man gräbt tiefe
horizontale Stollen in den Berg, bis man an das begehrte Nass gelangt.
Wenn es dann sprudelt, wird das Wasser in
Kanäle geleitet, um Städte und Dörfer mit Gieß- und Trinkwasser zu
versorgen.
In den größeren Ortschaften der Insel gibt es
viele monumentale Brunnen, manchmal sind es Tränken, die neben ihrem
praktischen Nutzen auch der Zierde von Plätzen und Gärten dienen. In der
weiteren dörflichen Umgebung finden wir die echten, authentischen
öffentlichen Wasserquellen, die zumeist aus einer schlichten Mauer, einer
senkrechten Steintafel bestehen, aus der ein Hahn herausragt und ein
kleiner Sims, um den Wasserbehälter abzustellen.
Diese einfachen, praktischen Quellen werden „chorros“
genannt, und häufig sieht man Schlangen oder Gruppen von Frauen davor
warten, bis sich ihre Gefäße füllen. Die Zeit nutzen sie, um von den
Ereignissen im Haus zu berichten, vom Zustand der Ernte oder anderen
Dingen, die bemerkenswert wären, oder man plaudert einfach und verbringt
ein angenehmes Weilchen miteinander. „Zur Quelle gehen“ ist also ein
gesellschaftliches Ereignis.
Zum Auffangen des Wassers benutzte man
typischerweise einen handgefertigten tönernen Krug oder eine dickbäuchige,
henkellose Phiole mit kurzem Hals und schmalem Ausguss, die die Frauen
geschickt auf dem Kopf transportierten. Es würde nicht überraschen, wenn
die Gewohnheit, den Körper aufrecht und den Wasserbehälter im
Gleichgewicht zu halten, etwas zu tun hat mit dem gelassenen und eleganten
Gang der kanarischen Frauen, deren Silhouette am Brunnen uns an die
anmutigen Korbträgerinnen Griechenlands erinnert. R.A.
Nadel- und Handarbeiten
Ángeles Violán
Von den Handwerkskünsten ist die Durchbrucharbeit besonders berühmt, vor
allem auf Teneriffa, Gran Canaria und Fuerteventura verziert man auf diese
Art Tischtücher, Deckchen, Blusen usw. Bei dieser Handarbeit unterscheidet
man die eigentliche Durchbrucharbeit, die Ziernaht, Zierstickereien in
Rosettenform und den Madrigal. Die Arbeit der Frauen besteht zunächst
darin, aus einem Stück Stoff bestimmte Fäden herauszuziehen und so
vorzubereiten, dass sie den durchbrochenen Stoff mit Nadel und Zwirn
weiter bearbeiten können. Unter ihren flinken Händen entstehen regelrechte
Kunstwerke, mit viel Geduld und Geschmack verwandeln sie einen einfachen
Stoff zu einer filigran gemusterten Tages- oder Tischdecke mit filigranem
Muster, die den Fleiß und die Eleganz des Hauses beweist.
Neben den Durchbrucharbeiten gibt es andere
typische Handarbeiten, für die manche Dörfer berühmt geworden sind. Da
sind die Durchbrucharbeiten aus Fuencaliente, Las Breñas und Mazo auf der
Insel La Palma, wo die Frauen schon sehr früh die Kunst des Stickens
erlernen. Nicht selten findet man in den Häusern ein junges Mädchen, das
sich die Zeit mit einer Stickerei vertreibt, während es auf ihren
Verlobten wartet.
Auf La Palma befindet sich die derzeit
wichtigste Seidenproduktion. Besonders der Ort El Paso hat weithin einen
Ruf für alle damit verbundenen Arbeiten – von der Raupenzucht über die
Behandlung des Kokons, aus dem der Seidenfaden gewonnen wird, bis zur
Endfertigung von Tüchern, Mantillen und Kleidern.
Mazo, ein anderes Dorf auf La Palma, ist
bekannt für seine „traperas“ (wörtlich: Lumpen), ein typisch kanarisches
Textilprodukt, aus dem Teppiche, Taschen oder Tagesdecken hergestellt
werden.
Sehr geschätzt werden auch die Arbeiten aus
den Weberwerkstätten La Gomeras und El Hierros. R.A.
Blumenteppiche
Ángeles Violán
In der Stadt La Orotava wird das Fronleichnamsfest Corpus Christi ganz
groß gefeiert. Für die Prozession mit der Hostie, dem Leib Christi,
bedeckt man hier nach traditionellem Brauch die Straßen mit Teppichen aus
Blumen, worin sich ein sehr feiner Kunstverstand ausdrückt. Das
abschüssige Gelände lässt die Blumenteppiche aussehen wie Bilder auf einer
Staffelei. Die Idee zu diesem Opferritus geht auf die Familie Monteverde
zurück, die im Jahre 1847 die Straße für die Heilige Prozession mit einem
einfachen, hübschen Bild aus bunten Blütenblättern schmückte.
Später wetteiferten die Orotavenser, wer die schönsten Blumenbilder legen
konnte, und entwickelten daraus eine schöne Tradition.
Man verwendet für die Teppiche Blütenblätter
verschiedener Blumen und zerkleinerte Heidekräuter und füllt die Flächen
zwischen den religiösen Abbildungen oder künstlerischen Zeichnungen zu
einer Art Rasen auf. Entlang der von Girlanden gesäumten Straßen bilden
sich Korridore, auch „corridos“ oder „saragatas“ genannt.
Die geschmückten Straßen und Wege bilden ein
Kollier aus Blumen, dessen Krönung der große Teppich auf dem Rathausplatz
ist, ein Gemälde, das aus verschieden farbigen Sanden aus den Cañadas del
Teide von Hand hergestellt wird.
Das Legen dieses großartigen Kunstwerkes ist
seit 1906 Tradition, angefangen mit einer Ehrung und würdigen Begrüßung
anlässlich eines Besuches Seiner Majestät Alfonso XIII.
Wenn erst die Heilige Prozession darüber
hinweg schreitet, ihr anschließend die Menschenmenge und später der Wind
folgen, lösen sich diese aufwendigen und einzigartigen Kunstwerke auf und
verteilen sich die Blütenblätter in der Stadt. Doch das macht nichts: Die
Stadt hat dem „Leib Christi“ ihre elegant parfümierte Ehre erwiesen.
(R.A.)