Autorenlesung
Harald Braem informierte über die Kultur der Altkanarier
Ein
Botschafter der Guanchen
Las Palmas de Gran Canaria – Ein interessiertes Publikum hatte sich am 28.
Dezember 2005 im evangelischen Gemeindezentrum von Las Palmas eingefunden,
um einen Diavortrag des bekannten Guanchenforschers und Schriftstellers
Prof. Harald Braem zu verfolgen.
Von Pfarrer Eberhard Schalinski und Kirchenvorstand Siegfried Rückert
herzlich begrüßt, forderte Harald Braem ("Tanausú - König der Guanchen",
Zech Verlag) seine etwa drei Dutzend Zuhörer auf, ihn bei Fragen ohne Scheu
zu unterbrechen. Fragen wurden so also gleich zu Beginn zahlreich gestellt.
Sie offenbarten einerseits das starke Interesse, sich mit der Kultur der
Ureinwohner auseinanderzusetzen, andererseits aber auch das Bedürfnis, über
strittige Themen der Guanchenforschung von einem Kenner ins Bild gesetzt zu
werden.
Prof. Harald Braem, der aufgrund seiner eigenen Arbeit und seines
Zusammenwirkens mit dem „Institutum Canarium“ und dem
Experimentalarchäologen Thor Heyerdal als Koryphäe auf dem Gebiet der
Guanchenforschung gilt, spannte den Bogen seines Vortrags von den
verschiedenen Besiedlungstheorien über das Weltbild und Brauchtum der
Altkanarier bis hin zu ihren Nachfahren, die, in der Franco-Ära unterdrückt,
heute noch einen Großteil der Bevölkerung stellen. Dies, so Braem, hätten
DNA-Untersuchungen auf Gran Canaria, La Palma und El Hierro gezeigt.
Prof. Harald Braem legte überzeugend dar, dass die Kanarischen Inseln ab dem
3. Jahrtausend vor Christus von Alteuropäern besiedelt worden sein müssen.
Beweise dafür habe er in der Übereinstimmung von Felsbildern auf La Palma,
im spanischen Ponte Vedra, in der Bretagne und Irland gefunden. Die
Urbesiedler der östlichen Inseln Lanzarote und Fuerteventura seien von den
Balearen gekommen, so Braem unter Bezug auf Sprach- und DNA-Analysen.
Braem, der sich selbst als Botschafter der Guanchen bezeichnet, räumte mit
mancherlei Vorurteil gegenüber den Altkanariern auf, beispielsweise dem, sie
seien der Seefahrt nicht kundig gewesen. Er wies auf Forschungsergebnisse
hin, die einen regen Schiffsverkehr zwischen den Inseln mit – nicht immer
friedlichem – Austausch, Handelsbeziehungen und Eheschließungen nachweisen.
An Hand zahlreicher Dias erläuterte Braem die hoch stehende Kultur der
Guanchen: Obwohl sie zum Zeitpunkt der Eroberung durch die Spanier äußerlich
zwar noch auf Steinzeitniveau lebten, besaßen sie ein hoch entwickeltes
dualistisches Weltbild mit klaren Rechtsvorschriften und tiefer ethischer
Fundierung. Sie erkannten als Grundlage allen Wirkens ein männliches und ein
weibliches Prinzip an, deren Zusammengehen das Gute erschuf. Folgerichtig
waren Männer und Frauen gleichberechtigt; Frauen saßen im Rat und kämpften
als Kriegerinnen, als weise „Harimaguadas“ bewachten sie die
Getreidevorräte.
Blutopfer waren den Guanchen unbekannt, sie gossen an ihren Heiligtümern
Milch in die Opferrinnen und -mulden. Die Guanchen bestatteten ihre Toten,
indem sie älteste ägyptische Mumifizierungstechnik anwandten, sie bauten
astronomisch nach den Sonnenwenden ausgerichtete Stufenpyramiden für
Festlichkeiten und Krönungszeremonien ihrer „Menceyes“ und führten mit
Obsidianwerkzeug komplizierte Schädelbohrungen aus (Trepanation), um
Krankheiten zu heilen. Mit Harald Braem könnte man sagen, die Guanchen
praktizierten High-Tech auf der Höhe ihrer Zeit.
So gab es denn herzlichen Applaus für Harald Braem am Ende des zweistündigen
Vortrags, bei dem niemandem die Zeit lang geworden war. Einige Interessierte
blieben selbst danach noch, um weitere Fragen mit Harald Braem zu erörtern.
/ Sylvia Hess
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